Leben und Wirken
von
Ruth Denison

Ruth Denison, Pionierin des Buddhismus im Westen

Am 26. Februar 2015 atmete Ruth Denison das letzte Mal friedlich aus. Würde uns jemand bitten, unsere Lehrerin Ruth Denison in einem Satz zu beschreiben, könnten wir antworten: Ihre größte Freude bestand darin, anderen Menschen zu helfen, indem sie ihnen „Dharma“ lehrte.

Und sie hatte einen Narren an Dackeln gefressen. Überhaupt hatte sie eine ganz besondere Beziehung zu Tieren, die das auch spürten und Ruths Nähe suchten. Wir erinnern uns an Meditationstunden, die wir übend in Ruths Retreats verbrachten, wo uns plötzlich eine kleine Hundeschnauze beschnüffelte – Ruth hatte einen ihrer sechs Dackel im Schlepptau mit ins Zendo genommen. Die unverstellte Neugier des kleinen Hundes, dass er im Zendo einfach seiner Wege ging – uns hat das so erheitert und entkrampft. Die Suche nach der Erleuchtung wird ja viel zu schnell zur ernsten Angelegenheit … Und lächelnd hören wir jetzt Ruths Stimme in der Erinnerung: „Tara, hierher, Körbchen, artig!“ Die Lehrerin, die alle Geschöpfe unterrichtete und dafür die Ebenen zu wechseln wusste und die richtigen Worte fand.

Ruth verbrachte die letzten Tage ihres Lebens in ihrem Zuhause in Joshua Tree, einem Hochwüsten-Plateau, das zur kalifornischen Mohave Wüste zählt. Wenn sie die Augen öffnete, war der Blick schon auf die andere Seite gerichtet. Hätte sie noch einmal aus dem Fenster in diese Welt geschaut, hätte sie die lichte Weite der von ihr so geliebten Wüstenlandschaft gesehen, klare Luft, vibrierende Stille. Sie war umgeben von Freunden und Weggefährten, die sie liebevoll unterstützten. Der Kelch war geleert, was blieb war: Liebe.

Weltbürgerin aus Ostpreußen

Ruth Denison erblickte als Ruth Elisabeth Schäfer am 29. September 1922 in Wittenwalde, Ostpreußen, das Licht dieser Welt. Beim Mithelfen im Gärtnereibetrieb ihrer Eltern konnte sie ihrer Liebe zu Pflanzen und Tieren früh Ausdruck verleihen. Der zweite Weltkrieg brachte schmerzliche Erfahrungen. Der Vater geriet in russische Kriegsgefangenschaft. Das elterliche Anwesen musste aufgegeben werden, es liegt heute in Polen.

In den Kriegswirren durchlitt Ruth Todesangst und Gewalt in Zeiten von Flucht und Gefangenschaft in russischen Arbeitslagern. Wenn sie in ihren Seminaren manchmal darüber sprach, dann ohne Bitterkeit oder Vorwurf: „Wir müssen für alles bezahlen,“ war ihre Kurzformel für Karma. Sie teilte die Erfahrungen aus diesen dunklen Zeiten und machte jenen Schüler*innen, die selbst ein schweres Schicksal zu tragen haben und die Ruth für ihre Güte und Mitgefühl bewunderten, dadurch Mut, dass auch sie diese Herzensqualitäten in sich bewahren und entwickeln können, trotz der erlittenen, großen Pein.

Als junge Erwachsene studierte Ruth Pädagogik fürs Lehramt und unterrichte einige Jahre an Grundschulen. In den 1950er Jahren wollte Ruth in die USA auswandern, fand einen Sponsor in Amerika und unterrichtete dann als Privatlehrerin die beiden Kinder eines Geschäftsmannes. In den ersten Jahren an der Ostküste lernte sie ihren Mann Henry Denison kennen, ein akademischer Feingeist, Psychotherapeut, Mönch auf Zeit und Spross einer amerikanischen Eisenbahn-Gründerfamilie. Auf der Suche nach Spiritualität und altem Wissen unternahmen Henry und Ruth ausgedehnte Reisen in fernöstliche Länder. In Japan erhielt Ruth 1964-66 intensives Zen-Training u.a. bei Soen-Roshi, Samada-Roshi und Yasutani-Roshi und besuchte Lama Govinda in Almora, um bei ihm zu lernen.

In den USA studierte Ruth bei Charlotte Selver die Sensory Awareness Methode; diese speziellen, langsam und sehr bewusst ausgeführten Bewegungsübungen sind später in Ruths Meditationsunterricht eingeflossen.

Burma in den 1960er Jahren – Ruth trifft auf „ihren Lehrer“

In Rangoon, der Hauptstadt von Burma (heute: Myanmar), lernten sie in den Sechzigern den über die Grenzen seines Landes hinaus bekannten Meditationsmeister U Ba Khin kennen. Ruth Denison praktizierte damals zeitgleich und gemeinsam mit dem indischen Vipassana Lehrer Goenka bei U Ba Khin. U Ba Khin sah in Ruth eine natürliche Begabung und Reife, sowohl was die Tiefe ihrer Einsichten in der Meditationspraxis betraf, als auch ihr Talent zum Unterrichten. Er übertrug ihr als erster westlicher Frau die Erlaubnis, die buddhistische Vipassana Meditation als Methode der Geistesschulung durch Achtsamkeit zu lehren.

Ruth erfüllte die Hoffnung und das Vertrauen, das ihr Lehrer in sie setzte und führte Vipassana in Europa und Nordamerika ein. Es gibt Lehrer, die Vipassana unterrichten. Ruth Denison ist Vipassana gewesen. Seit den frühen 1970er Jahren lehrte sie ihre Schüler, dass der Buddha nicht notwendigerweise als Mann hätte erscheinen müssen, noch dass der erleuchtete Verstand ein bestimmtes Geschlecht hätte, sondern dass dieser exquisite Zustand in jedem Augenblick da sei, hier und jetzt, in jedem von uns.

In Hollywood entstand auf dem schönen Anwesen von Henry und Ruth Denison ihr „spiritueller Salon“, in dem bekannte spirituelle Lehrerinnen und Lehrer aus Osten und Westen wie Alan Watts, Ram Dass, Aldous und Laura Huxley verkehrten und Charlotte Selver ihren Unterricht abhielt. Auch im Kreis der populären amerikanischen Vipassana-Lehrer*innen und den großen US-Zentren für „Insight Meditation“ war Ruth eine geachtete Persönlichkeit. Die Einladungen, in diesen Zentren zu lehren oder an Konferenzen teilzunehmen, nahm sie, wenn sie es einrichten konnte, bis ins hohe Alter gerne an und scheute auch keine Reisestrapazen.

Dhamma Dena Desert Vipassana Center in Joshua Tree, Kalifornien

In den Siebzigern erwarb Ruth Land in der Mohave Wüste, ca. 100 Kilometer nordöstlich des mondänen Palm Springs gelegen. Auf diesem einsam gelegenen Terrain baute sie allmählich das Dhamma Dena Desert Vipassana Center auf, was später auch ihr privater Lebensmittelpunkt wurde. Unzählige konnten deshalb heilsame Zeiten des Rückzugs und der Einkehr dort finden, wobei Ruths Tür zu jeder Tages- und Nachtzeit jedem offen stand, der Hilfe brauchte.

Ruth konnte erfrischend spontan sein, entwickelte ihre Übungsanweisungen aus dem Moment heraus. Für die Schüler*innen bedeutete es, dass sie sich nie ganz sicher sein konnten, wie lange eine Meditation unter Ruths Leitung dauern würde. War eine Stunde angesagt, konnten auch 90 Minuten draus werden – oder 20. So oder so hieß es: Loslassen von Erwartungen, nicht identifizieren mit den aufsteigenden Bewertungen oder Widerständen, immer wieder offen sein für den Augenblick. Wir konnten uns absolut darauf verlassen, dass Ruth als Lehrerin für uns da war. Auf der anderen Seite hatte sie ein Faible für Kehrtwendungen, und diese Unberechenbarkeit ist unter langjährigen Schülern legendär. Jede/r kann davon berichten, dass die Egos manchmal kochten.

Unkonventionelle Lehrerin

Ruth unterrichtete Vipassana abwechselnd in gemischten Gruppen und Frauengruppen. Was das disziplinierte, lange Sitzen anging, war sie nicht so streng, d.h. man durfte – anders als z.B. in der Zen-Tradition – durchaus die Sitzposition ändern, auch einen Stuhl nutzen oder im Stehen meditieren, ohne dass dies als „Fehler“ getadelt wurde. Sie integrierte in ihren Retreats die Gehmeditation und langsame Bewegungsübungen.

Wenn Ruth in den Retreats den Eindruck gewann, dass Teilnehmende verbissen und verkrampft wurden, kam es schon mal vor, dass man sich auf ihr Geheiß hin bewusst atmend „wie ein Wurm“ auf dem Boden entlang schlängeln sollte. Das drückte allen die Knöpfe, die sich auf ein rein formelles Meditationstraining eingestellt hatten. Schlussendlich erreichte Ruth mit solchen unkonventionellen Vorschlägen, dass sich ihre Schüler nicht erschöpften und darüberhinaus lernten, aufsteigende Widerstände nicht so wichtig zu nehmen.

Wichtig war ihr, dass Übende verstanden, dass Achtsamkeit nicht nur in formeller Haltung auf dem Meditationsschemel entwickelt wird. Es war Ruth ein Anliegen, dass die Achtsamkeit im Alltag aufleuchtet und dass Übende alltägliche Situationen so zu deuten oder für sich zu nutzen lernten, dass sie in der Meditation gewonnene Einsichten dort sogar noch vertiefen konnten.

Ausgezeichnete Lehrerin

Eine ihrer großen Gaben bestand darin, präzise zu den körperlichen Empfindungen hinzuführen, wie das z. B. in der „Sweeping-Meditation“ (nach U Ba Khin) gemacht wird. Bei dieser Technik durchreist man systematisch und bewusst den eigenen Körper von Kopf bis Fuß; als Meditationsobjekt dienen die taktilen Empfindungen, deren Aufsteigen und Vergehen.

Ruth teilte von morgens bis abends großzügig ihr Wissen und ließ die Menschen an ihren Erlebnissen teilhaben. Es ist ein Genuss gewesen, ihren Darlegungen der Vier Edlen Wahrheiten aus der buddhistischen Weltanschauung zu lauschen. Von den „drei Daseinsmerkmalen“ hat sie besonders die Vergänglichkeit und das Leidhafte immer wieder thematisiert. Dabei wählte sie ihre Worte stets sehr sorgsam und sprach mit freundlichster Stimmlage, so dass nicht nur der Intellekt, sondern vor allem die Weisheit des Herzens genährt wurde.

2006 erhielt Ruth anlässlich des internationalen Frauentages bei den United Nations eine Auszeichnung für ihr anhaltendes Engagement als buddhistische Lehrerin. Sie ist eine Wegbereiterin für die zeitlosen Wahrheiten des Buddhismus im Westen gewesen.

Ruth Denison verstarb friedlich, in Liebe und umgeben von Liebe, am 26.2.2015 in ihrem Zuhause in der kalifornischen Mohave Wüste. Wir sind dankbar für jeden Tag, den wir mit Ruth verbringen durften. Wir verneigen uns vor einer großen Lehrerin, die unzählige Menschen mit der Weisheit ihres Herzens berührt hat.

Pionierin des Buddhismus

Sandy Boucher/Biographie: Ruth Denison, Pionierin des Buddhismus, Weltbürgerin aus Ostpreußen. 2006 im Theseus Verlag erschienen. 280 Seiten, € 24,95. Das Buch ist mittlerweile vergriffen. Wir konnten einen Restposten direkt vom Verlag übernehmen und können Ruth Denisons Biographie für € 12,95 pro Exemplar abgeben.
Um das Buch zu bestellen, schreiben Sie uns bitte hier.

Fotogalerie

Biographisches, Videolinks, Fotos und weitere Informationen

www.ruthdenison.com

Lehrer*innen in der Tradition von Ruth Denison

Robert Beatty, Oregon, USA
Sandy Boucher, Kalifornien, USA
Lucinda Treelight Green, Colorado, USA
Arinna Weisman, Kalifornien, USA
Annabelle Zinser, Deutschland
Frank B. Leder and Kali Sylvia Gräfin von Kalckreuth, Deutschland
Doshin Houtman, Holland

 

Film: „Der lautlose Tanz des Lebens“

Dieser Dokumentarfilm handelt von der bemerkenswerten Ruth Denison. Sie war eine Pionierin des Buddhismus im Westen. Sie war Vorreiterin für die Rechte der Frauen. Sie war eine bekannte Meditationslehrerin. Sie leitete ein Zentrum in der kalifornischen Mojave-Wüste und half mehr als 30 Jahre lang dort vielen traumatisierten Menschen. Dieser Film begleitet Ruth Denison in ihren letzten Lebensjahren und ist ein einmaliges filmisches Dokument einer starken, ungewöhnlichen Frau. Deutscher Dokumentarfilm aus 2016 (Text aus der Mediathek von Arte).

YouTube Link zum Film

Website von der deutschen Filmemacherin Aleksandra Kumorek

Buch: „The Book of Ruth“

Jain Hain aus New York hat mehr als 80 Retreats von Ruth Denison besucht und sich Notizen über ihre Dharma Vorträge und Übungsanleitungen gemacht. 2005 veröffentlichte Jain Hain die Zitatesammlung (120 Seiten, mit Fotoanhang) in englischer Sprache unter dem Namen „The Book of Ruth – Sayings of Ruth Denison as collected with devotion by Jain.“

Sie können das Buch als PDF mit diesem Link kostenfrei herunterladen.

Ruth Denison Zitate …

This practice is not about getting rid of whatever is unwelcome; rather it is about opening to whatever arises.
Diese Übung besteht nicht darin, alles loszuwerden, was man nicht leiden kann. Es geht vielmehr darum, sich für das zu öffnen, was aufsteigt.

We train to let go and look into our being.
Wir üben uns darin, loszulassen und in unser Sein zu schauen.

Thoughts are energies. They acitivate physical energies.
Gedanken sind Energie. Sie aktivieren körperliche Phänomene.

Every time a state of mind is notices, it helps to create distance and weaken the mind state.
Jedesmal, wenn ein Geisteszustand bemerkt wird, hilft das, einen Abstand dazu einzuhalten und den Zustand abzuschwächen.

Accept the truth, that there is no security in living in a human body.
Akzeptiere die Tatsache, dass es für ein Leben in einem menschlischen Körper keine Sicherheit gibt.

If we pay attention the body, we will automatically train the mind. Ask yourself the question: „What ist going on in this body at this moment?“
Wenn wir dem Körper Aufmerksamkeit schenken, trainieren wir automatisch den Geist. Stell dir diese Frage: „Was passiert körperlich in diesem Augenblick?“

Dukkha ist the pain of wanting things to be different, other than they are.
Das Leidhafte (Pali: Dukkha) ist der Schmerz, es anders haben zu wollen, als es ist.

When we accept Dukkha, compassion arises.
Wenn wir das Leidhafte akzeptieren, entsteht Mitgefühl.

The key to wisdom is to get deeply in touch with Dukkha. Then the selfless nature of our being emerges.
Der Schlüssel zur Weisheit besteht darin, tief mit dem Leidhaften in Berührung zu sein. Darin offenbart sich die selbstlose Natur unseres Wesens.

There is no right partner, until you have the right partnersip with yourself.
Es gibt keinen perfekten Partner, bis du die richtige Beziehung zu dir selbst entwickelt hast.